Ist das Internet schuld an der Krise der Zeitung?

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Gedanken zum Onlinejournalismus, „Besser Online“ Teil 1

Das Internet hat den unabhängigen Journalismus ruiniert, den guten und wahren Journalismus kaputt gemacht, sagen die einen. Doch diese Annahme sei ein Mythos, sagte Juliane Leopold, Gründungsredakteurin der deutschen Version des Onlineportals buzzfeed, auf der DJV-Tagung „Besser Online“ (Foto) am 24.9.2016 in Berlin. Natürlich ist es wahr: Heute finden wir alle vermeintlich wichtigen Informationen auch bei Facebook, ob die neusten Schlagzeilen oder Veranstaltungstipps, Klatsch und Tratsch. Kein Wunder, dass der User im Durchschnitt etwa 50 Minuten am Tag in den Sozialen Netzwerken verbringt, doppelt so viel Zeit wie auf Nachrichtenportalen! Und dennoch räumt Juliane Leopold zur Eröffnung der Tagung gehörig mit dem Mythos der geraubten Unabhängigkeit von Journalisten auf.

Ihre These: Schleichwerbung wurde bereits vor über zehn Jahren immer raffinierter in Zeitungen verpackt. Sie untermauert dies auch sofort mit entsprechenden Beispielen – und sagt klipp und klar: Verlage und Rundfunkanstalten haben ihre Unabhängigkeit schon vor langer Zeit selbst aufgegeben, noch lange bevor es Social Media und Internetflatrates auf dem Handy gab. Bestimmte Inhalte finden bis heute auf den journalistischen Newsportalen nicht statt, weil die Verlage freiwillig auf gute Recherchen verzichten, obwohl sie dies von anderen Angeboten abheben könnte. Als Beispiel nennt sie fundierte Auslandsberichte, die gern von semiprofessionellen Youtube-Videos ersetzt werden, weil Korrespondenten eben zu teuer sind.

Ganz Unrecht hat sie sicher nicht. Ich würde den Bogen hier sogar noch weiter spannen – und sagen: Das Internet ist so gut wie gar nicht Schuld an der Krise der Tageszeitung! Es ist vielmehr die Unfähigkeit der Verlage, sich auf ändernde Rahmenbedingungen in der Welt einzustellen, die zu rückläufigen Abozahlen führt. Denn fragt man die Leute, warum sie keine Zeitung mehr lesen, geben die meisten zuerst Zeitmangel an. Die Zeitung staple sich zu Hause, werde später ungelesen weggeworfen. Die wichtigsten News bekommt man heute sowieso im Internet, auf Mailportalen oder Newsseiten, heißt es dann. Doch das sollte keine Ausrede für die Verlage sein, denn schneller als Print war zuvor auch schon das Radio – trotzdem ging es den Zeitungen lange Zeit prächtig. Was sie verpasst haben, ist sich dem Lebenswandel der Leser anzupassen, mit neuartigen Formaten das Interesse zu bannen. So wie es die Social Media Portale heute im Netz auch machen. Sie tun nichts weiter, als Geschichten einfach anders zu erzählen. Und genau das, nämlich ein bisschen Innovation, hätte sicher auch auf dem Papier gut funktioniert. Magazine sprießen ja nicht zufällig gerade wie Pilze aus dem Boden, die Wochenzeitung DIE ZEIT verzeichnet gar steigende Absätze! Warum? Weil sie ihren Lesern etwas bietet, das sie im Internet kaum finden: umfassende Information, ausführliche Hintergrundberichte, wasserdichte Recherchen mit (!) Neuheitswert.

Hätten es die Tageszeitungen geschafft, sich vor zehn oder zwanzig Jahren schon inhaltlich aus ihrer Nachrkiegskomforzone zu befreien, sich am Zahn der Zeit, mit ihren Lesern immer wieder neu zu erfinden, ich bin sicher: Wir hätten heute keine Krise, oder zumindest keine so große. Statt dessen haben die Verlage darauf vertraut, dass Vati weiterhin jeden Morgen seine Zeitung am Frühstückstisch liest, dass auch seine Söhne noch das altbackene Newsgeschreibsel im 70er Jahre Stil zum morgendlichen Kaffee genießen wie Brötchen und Butter. Das war naiv!

Die Verlage haben es verpasst, mit der Zeit zu gehen. Vielleicht liegt das auch daran, dass der Leser für sie lange Zeit nur eine diffuse graue Masse war, die die nötige Reichweite erzeugte, mehr nicht. Heute kann sich dieser Leser in den Sozialen Netzwerken aber artikulieren, er kann sich die Inhalte suchen, die ihn interessieren, andere ausblenden – und er kann selbst Inhalte erzeugen, Kommentare schreiben, bloggen, reagieren. Der Leser ist mündig geworden. Es ist jedoch falsch zu behaupten, dass er deswegen auf guten Journalismus pfeifen würde. Wir müssen ihn ihm nur anbieten. Ich denke, dafür ist es nie zu spät.

Nicole Czerwinka, die Autorin des Textes, hat ihre Ausbildung als Journalistin bei lokalen Tageszeitungen in Dresden absolviert, bevor sie 2010 mit elbmargarita.de ihren eigenen Blog gründete und so erstmals Onlineformate für sich entdeckte. 

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