Hinter den Kulissen: Redaktionsrundgang bei ZEIT Online

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Ich bin dieses Jahr schon zum vierten Mal bei der DJV-Tagung „Besser Online“ zu Gast – zum zweiten Mal als Fachausschussmitglied und  Mitveranstalter. Bevor die Tagung beginnt, gewährt der DJV den Teilnehmern am Tag zuvor gewöhnlich Einblick in den Redaktionsalltag verschiedener Onlineredaktionen am Ort der Veranstaltung. Und so durfte ich heute hinter die Kulissen der ZEIT Online-Redaktion schauen und viele spannende Erkenntnisse mitnehmen, die ich an dieser Stelle einmal festhalten möchte:

Rundgang bei ZEIT Online in Berlin

Medienwandel zwischen Berlin und Hamburg

DJV-Mitglied und ZEIT-Mitarbeiterin Jana Lavrov führte uns durch die heiligen Hallen am Askanischen Platz 1 in Berlin. So viele Hallen sind es aber gar nicht. Eigentlich ist es nur ein riesiges Großraumbüro – und dort wird konzentriert gearbeitet in fast andächtiger Stille: Der Newsroom von ZEIT Online befindet sich seit 20 Jahren in Berlin, während das Printherz der ZEIT nach wie vor in Hamburg schlägt. Es gibt auch ZEIT Online-Mitarbeiter in Hamburg, doch der Mittelpunkt der Online- Redaktion tummelt sich in der Hauptstadt, bewusst da, wo auch die Bundesregierung schaltet und waltet. Jeden Montag kommen die Hamburger nach Berlin, am Donnerstag fahren die Berliner nach Hamburg, damit die Redaktionen sich Face to Face austauschen können.

Journalismus als Netzwerkprodukt

Was mir beim Rundgang durch den Newsroom von ZEIT Online auffällt: Journalismus ist im digitalen Zeitalter viel mehr auf die Hilfe verschiedener Spezialisten angewiesen, als je zuvor. Früher gab es Fotografen, Layouter, Producer und Schnittmeister. Das Herzstück jedes Mediums bildete jedoch zum größten Teil immer die Redaktion, also ausgebildete Nachrichtenredakteure, die Themen recherchierten und berichteten. Bei ZEIT Online gibt es neben den Redakteuren in den verschiedenen Ressorts auch den klassischen Chef vom Dienst, dazu aber seit Kurzem noch einen „Dirigenten“, der die gesamte Seite im Blick behält, Social-Media-Experten, einen SEO-Desk (dafür ist Jana Lavrov verantwortlich), Video- und Grafikredaktion, Producer … allein 15 (!) Mitarbeiter sind damit beschäftigt, die Kommentare unter den Artikeln zu sichten und zu beantworten. Dazu müssen User-Daten ausgewertet, neue Tools ausprobiert werden. Eine Menge Aufgaben, die ganz verschiedene Fähigkeiten erfordern.

Online, das bedeutet jung und neugierig auf Neues

Die Redaktion von ZEIT Online ist auffällig jung: Die Mitarbeiter sind im Durchschnitt knapp über 30 Jahre alt. Der Chefredakteur ist mit 46 Jahren der Älteste im Berliner Newsroom. Die Dynamik der Branche ist groß. Ständig werden neue Dinge ausprobiert, getestet, und für gut befunden – oder abgelehnt. Nicht nur journalistisches Know How, auch technisches oder mathematisches Wissen sind dazu notwendig. Über die Analyse von Usergruppen, lässt sich feststellen, welche Themen besonders gut oder weniger gut laufen. Wer liest was zu welcher Zeit und über welche Kanäle muss es gespielt werden? All diese Fragen lassen sich schon jetzt über komplizierte Algoritmen beantworten. Inwiefern kann künstliche Intelligenz den Alltag in der Redaktion erleichtern? Auch dazu werden bei ZEIT Online erste Studien getrieben. Social Media wird hier schon jetzt fast nur  automatisiert bespielt. Drei Mitarbeiter experimentieren dazu mit neuen Kanälen.

Die Zeitung der Zukunft …

… erreicht uns auf unsere eigenen Interessen zugeschnitten und zwar überall, nicht nur im heimischem Briefkasten. Bei ZEIT Online kommt knapp 50 Prozent des Traffics von mobilen Geräten, also Smartphones (Tablets nicht mitgerechnet). Auch lange Texte werden auf dem Handy gelesen, wenn der Inhalt stimmt. Zwei Drittel des Traffics wird über die eigene Homepage (nicht über Social Media oder andere Kanäle) erzielt. Auch der personalisierte Content ist bald keine Zukunftsmusik mehr, wer sich für Kultur interessiert, der bekommt auf der Homepage dann vor allem Beiträge aus diesem Ressort angezeigt. Experimente dazu laufen. Zudem scheint die Zeitung im Netz mit einem guten Konzept auch längst kein finanzielles Nullmodell mehr zu sein. In diesem Jahr schreibt ZEIT Online zum ersten Mal schwarze Zahlen. Erreicht wird dies über Anzeigen in den Marktseiten (Stellenmarkt, Hochschulmarkt …), und über Digitalabos.

Was ZEIT Online anders macht

An diesem Punkt spielen dann doch wieder klassische journalistische Tugenden eine Rolle! Die Newsauswahl geschieht hier nach strengen Vorgaben, SPIEGEL Online etwa berichtet im Vergleich deutlich breiter. Boulevardthemen wie die Trennung von Angelina Jolie und Brad Pitt werden kaum und wenn, dann nur mit einem alternativen Zugang zur Geschichte gespielt. Auch schnelle Nachrichten müssen durchs Korrektorat, bevor sie online gehen. Und im akuten Geschäft, etwa bei Terroranschlägen, gibt es eine klare Hausregel: ZEIT Online unterscheidet hier ganz offen zwischen gesicherten Tatsachen und ungesicherten Gerüchten, die im Netz umherschwirren. Beim Leser komme dies sehr gut an. Es zeigt: Der Qualitätsjournalismus hat auch im Internet eine Zukunft.

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